Warum es manchmal Mut braucht, überhaupt etwas zu fühlen (Kurzer persönlicher Gedanke)
Immer wieder erlebe ich in meiner Arbeit, wie sehr Menschen unter der Angst leiden, ihre Gefühle zuzulassen. Dieser kurze Gedanke soll zeigen, warum Fühlen manchmal mehr Mut braucht, als wir denken.
Wenn Gefühle verschwinden, ist das ein Schutzmechanismus
Es gibt Sätze, die in Therapieräumen immer wieder auftauchen. Nicht, weil Menschen sie voneinander übernehmen, sondern weil sie Ausdruck einer gemeinsamen, zutiefst menschlichen Erfahrung sind. Einer dieser Sätze lautet:
„Ich weiß gar nicht mehr, was ich fühle.“
Wenn jemand das sagt, ist das kein Zeichen von Gefühllosigkeit. Es ist ein Zeichen von Schutz. Fühlen war irgendwann einmal zu gefährlich, zu schmerzhaft oder zu überfordernd. Viele Menschen haben nicht verlernt zu fühlen – sie haben gelernt, es zu vermeiden, um nicht wieder verletzt zu werden. Und die Gefühle, die wir verdrängen oder vermeiden, holen uns irgendwann wieder ein – oft stärker, als wir erwarten.
Die Angst vor dem Fühlen
Ich sage dann oft: „Vielleicht ist es nicht das Fühlen, das schwer ist. Vielleicht ist es die Angst davor.“
Wir werden nicht von Gefühlen überfordert. Wir werden von den Bedeutungen überfordert, die wir ihnen geben:
- „Wenn ich traurig bin, bin ich schwach.“
- „Wenn ich wütend bin, verletze ich andere.“
- „Wenn ich Schmerz zeige, werde ich abgelehnt.“
So entstehen innere Schutzsysteme, die alles wegdrücken, was lebendig ist. Doch wahre Stärke entsteht nicht durch Festhalten. Sie entsteht durch Kontakt.
Wendepunkte im therapeutischen Prozess
Manchmal entsteht während eines Gesprächs ein stiller Moment. Ein Atemzug. Eine kleine Pause. Und plötzlich taucht ein Gefühl auf. Zögerlich, vorsichtig, manchmal in Form eines einzigen Satzes:
- „Ich bin traurig.“
- „Ich fühle mich allein.“
- „Ich habe Angst.“
Das sind keine Schwächemomente. Das sind Wendepunkte.
Der Mut, wieder bei sich zu landen
Ich sage dann: „Fühlen ist kein Rückschritt. Fühlen ist ein Wiederankommen.“
Nicht jedes Gefühl braucht eine Erklärung. Nicht jedes Gefühl braucht eine Lösung. Aber jedes Gefühl braucht einen Platz.
Vielleicht ist das der wahre Mut: Nicht der Mut zur großen Veränderung, sondern der Mut, wieder bei sich selbst zu landen.