Erschöpfung rund um den Jahreswechsel: Ein inneres Phänomen
Es gibt Zeiten im Jahr, in denen Menschen innerlich anders reagieren als sie es von sich kennen. Rund um den Jahreswechsel taucht bei vielen eine Art diffuse Erschöpfung auf, die nicht durch körperliche Belastung erklärbar ist. Ich beobachte dieses Phänomen seit Jahren in meiner Praxis – nicht als Krankheit, sondern als Ausdruck einer inneren Verdichtung.
Wenn es äußerlich ruhiger wird, bewegt sich innerlich mehr
Wenn äußere Aktivitäten für eine Zeit lang zurückgehen, entsteht im Inneren oft mehr Bewegung als erwartet. Gedanken, die im Alltag überlagert sind, werden deutlicher. Gefühle, die sonst kaum Raum bekommen, melden sich leiser, aber spürbarer. Viele Menschen beschreiben eine merkwürdige Mischung aus Leere und Anspannung. Diese Form der Erschöpfung kommt nicht davon, dass „zu viel passiert“ ist – sie entsteht oft gerade dann, wenn es stiller wird.
Der Übergang von einem Jahr in das nächste hat für viele etwas Ambivalentes. Es ist ein Zwischenzustand, der sich psychisch bemerkbar macht: Das Alte ist noch nicht abgeschlossen, das Neue noch nicht greifbar. Übergänge sind für den Menschen immer ein besonderer Moment. Sie aktivieren unbewusste Fragen: Was habe ich geschafft? Was bleibt ungeklärt? Und wohin bewege ich mich als Nächstes? Auch wenn diese Fragen nicht ausgesprochen werden, sind sie spürbar.
Innere Strenge und der subtile Druck des Vergleichens
In solchen Momenten werden Menschen oft strenger mit sich. Vergleiche tauchen auf – mit anderen oder mit dem eigenen Ideal. Plötzlich entsteht der Eindruck, man müsste „besser“ oder „klarer“ oder „geordneter“ sein. Dieser innere Druck ist subtil und gleichzeitig kräftezehrend. Die Erschöpfung, die daraus entsteht, wird häufig missverstanden. Sie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Reaktion auf die innere Spannung, die Übergänge hervorrufen.
Der Jahreswechsel als psychisch empfindlicher Raum
Ich erlebe diese Zeit als psychisch empfindlichen Raum. Nicht im pathologischen Sinn, sondern als Moment, in dem das, was im Hintergrund arbeitet, kurz sichtbarer wird. Vielleicht ist die Erschöpfung rund um den Jahreswechsel weniger ein Problem, das man beheben muss, sondern ein Hinweis darauf, dass das innere System Zeit benötigt, um Übergänge zu verarbeiten.