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Angst, als Mensch nicht zu genügen – Gedanken aus meiner Praxis

In meiner therapeutischen Praxis begegnet mir sehr häufig eine Angst, die sich nicht auf Leistung, Erfolg oder äußeres Funktionieren reduzieren lässt. Es ist die Angst, als Mensch nicht zu genügen. Nicht richtig zu sein. Nicht dazuzugehören. Diese Angst ist oft schwer in Worte zu fassen, weil sie weniger mit dem Tun als mit dem eigenen Sein verbunden ist. Genau darüber möchte ich in diesem Text schreiben.

Ein grundlegender innerer Zweifel

Viele Menschen berichten nicht zuerst von konkreten Misserfolgen, sondern von einem tiefen inneren Zweifel: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Dieser Zweifel begleitet sie oft schon sehr lange.

Er zeigt sich im Vergleich mit anderen, im Gefühl, weniger lebendig, weniger interessant oder weniger wertvoll zu sein. Auch dort, wo objektiv kein Anlass besteht, bleibt innerlich das Gefühl zurück, nicht zu genügen.

Wie diese Angst entsteht

Diese Form der Angst entsteht nicht ausschließlich durch Leistungserwartungen in der Kindheit. Sie kann sich auch dort entwickeln, wo ein Kind emotional wenig gespiegelt wurde, wo Nähe unsicher war oder das eigene So-Sein wenig Resonanz gefunden hat.

Nicht gesehen zu werden hinterlässt Spuren. Ein Mensch lernt früh, sich selbst infrage zu stellen, statt sich als selbstverständlich wertvoll zu erleben.

Auswirkungen im Erwachsenenleben

Im Erwachsenenleben wirkt diese Angst oft unterschwellig weiter. Sie beeinflusst Beziehungen, Entscheidungen und den Umgang mit sich selbst.

Menschen passen sich an, machen sich kleiner oder versuchen, besonders unauffällig zu bleiben. Andere suchen Anerkennung, ohne sie wirklich annehmen zu können. Selbst Nähe kann belastend werden, wenn die Sorge mitschwingt, nicht zu genügen.

Scham, Vergleich und innere Erschöpfung

Charakteristisch ist der ständige innere Vergleich. Andere wirken souveräner, sicherer oder „richtiger“. Das eigene Leben fühlt sich daneben oft unzulänglich an.

Diese Angst ist eng mit Scham verbunden – mit der Sorge, dass andere das eigene Ungenügen erkennen könnten. Scham führt zu Rückzug oder dauerhafter innerer Anspannung und ist auf Dauer sehr erschöpfend.

Ein anderer therapeutischer Zugang

In der therapeutischen Arbeit geht es nicht darum, Menschen zu sagen, dass sie „genug sind“. Solche Sätze erreichen die tiefe Ebene oft nicht.

Vielmehr geht es darum, die Beziehung zu sich selbst zu verändern: die Herkunft dieser inneren Haltung zu verstehen, zwischen früheren Erfahrungen und dem heutigen Leben zu unterscheiden und sich selbst nicht mehr permanent infrage zu stellen.

Daseinsberechtigung jenseits von Leistung

Aus existenzieller Sicht berührt diese Angst einen zentralen Punkt menschlichen Daseins: die Frage nach Zugehörigkeit und Daseinsberechtigung.

Heilung bedeutet hier nicht, frei von Zweifel zu sein, sondern sich trotz innerer Unsicherheit im Leben zu verankern – nicht, weil man etwas leistet, sondern weil man existiert.

Die Angst, als Mensch nicht zu genügen, verliert dort an Macht, wo Menschen beginnen, sich nicht mehr nur durch den Blick der anderen zu sehen. Dieser Weg ist leise und langsam, öffnet aber die Möglichkeit, dem eigenen Leben mit mehr innerer Ruhe und Würde zu begegnen.

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