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Die Angst, nicht gut genug zu sein – Ein Fallbeispiel

Viele Menschen tragen eine tiefe, oft unausgesprochene Angst in sich: die Angst, nicht genug zu sein. Sie betrifft nicht nur einzelne Lebensbereiche, sondern oft das gesamte Selbstbild. Dieses Fallbeispiel zeigt, wie früh solche Überzeugungen entstehen können – und wie ein Mensch langsam wieder Vertrauen in sich selbst gewinnt.

Ein Leben unter dem Satz „Du schaffst das nicht.“

Frau B. wuchs in einem Elternhaus auf, das von Angst und Überbehütung geprägt war. Ihre Eltern wollten sie schützen – aus Liebe, nicht aus Härte. Doch aus der Fürsorge wurde eine begrenzende Botschaft: „Du schaffst das nicht. Wir machen das für dich.

Dieser Satz wurde zu einem inneren Programm. In der Schule begann sie zu versagen – nicht wegen mangelnder Fähigkeiten, sondern weil sie gelernt hatte, nicht an sich zu glauben.

Angst wurde der Filter, durch den sie die Welt sah: Angst vor Fehlern, Anforderungen, Erwartungen, Gesehenwerden. Sie zog sich zurück und fühlte sich nur dort sicher, wo andere alles für sie übernahmen.

Ein Hinweis von außen und der erste Schritt

Eines Tages bemerkte ein Cousin ihre Isolation und sprach sie klar, aber respektvoll darauf an. Er schlug vor, professionelle Hilfe zu suchen – und begleitete sie zur ersten Sitzung, blieb aber draußen.

Schon das Ankommen in der Praxis war für sie eine enorme Überwindung. Die ersten Gespräche waren vorsichtig, brüchig, langsam. Sie musste lernen, Vertrauen zu entwickeln und überhaupt Worte zu finden.

Sie wurde gesehen, ernst genommen und nicht bewertet. Das war neu – und heilsam.

Der mühsame, aber echte Weg nach vorne

Es dauerte Monate, bis Frau B. frei sprechen konnte. Der Ursprung ihrer Angst war klar: Der Satz „Du schaffst das nicht“ prägte ihr gesamtes Selbstbild.

Sie war überzeugt, dass man ihr ansehen würde, dass sie „nicht gut genug“ sei – eine verbreitete, aber selten ausgesprochene Angst bei Menschen mit geringem Selbstwert.

Wir arbeiteten Schritt für Schritt:

  • kurze Wege allein,
  • kleine Aufgaben selbst erledigen,
  • Übungen außerhalb der Praxis,
  • Erlaubnis, etwas zu können, ohne perfekt zu sein.

Mit der Zeit begann sie, den Weg zur Therapie ohne Begleitung zu bewältigen.

Eigene Erfahrungen statt Angst der Eltern

Ein entscheidender Moment war, als ich vorschlug, mit ihren Eltern zu sprechen, damit sie ihr mehr zutrauen. Doch die Eltern reagierten erneut mit: „Das ist zu viel für dich.

Damit wurde deutlich: Frau B. braucht Erfahrungen, die nicht von der Angst der Eltern gesteuert werden. Also unterstützte ich sie bei ersten Wegen nach draußen – mitten im Alltag.

Ein neues Selbstbild entsteht

Mit den Jahren entwickelte sie inneren Halt. Sie erkannte, dass ihre Angst nicht die Wahrheit ist. Sie lernte, Aufgaben zu bewältigen – nicht perfekt, aber ausreichend.

Ihr Selbstbild veränderte sich von „Ich kann nichts“ zu „Ich kann es versuchen“ und schließlich zu „Ich bin gut genug, um mein Leben zu schaffen.

Die therapeutische Beziehung wurde zum sicheren Raum. Mit wachsendem Vertrauen in mich entwickelte sie langsam auch Vertrauen in sich selbst – und in die Welt.

Heute lebt sie weitgehend selbstständig: vorsichtig, aber stärker, klarer, eigenständiger. Sie trifft Entscheidungen und trägt ihren Wert in sich – nicht mehr in den Händen der Eltern.

Was dieser Fall zeigt

Psychologisch gesehen hat Frau B. das Wesentliche erreicht: inneren Halt.

Die Angst, nicht gut genug zu sein, verschwand nicht völlig – aber sie verlor ihre Macht. Und genau darin liegt der eigentliche Erfolg.

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