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Prokrastination – warum wir Dinge aufschieben, obwohl wir sie erledigen wollen

In diesem Artikel geht es um Prokrastination, also das Aufschieben von Aufgaben und Entscheidungen. Wir betrachten, warum Menschen Dinge immer wieder aufschieben, welche Rolle Angst, Überforderung, Perfektionismus und Selbstzweifel dabei spielen und warum Prokrastination häufig gar nicht als solche erkannt wird. Außerdem geht es darum, was hinter dem Aufschieben stecken kann und wie es möglich wird, diesen Kreislauf Schritt für Schritt zu verändern.

Was bedeutet Prokrastination?

Der Begriff Prokrastination bezeichnet das wiederholte Aufschieben von Aufgaben oder Entscheidungen, obwohl man weiß, dass dieses Aufschieben später Nachteile haben kann.

Dabei geht es nicht darum, gelegentlich etwas später zu erledigen. Das gehört zum normalen Alltag. Problematisch wird es eher dann, wenn das Aufschieben regelmäßig geschieht, wichtige Aufgaben beeinträchtigt und gleichzeitig Stress, Schuldgefühle oder Selbstvorwürfe entstehen.

Typisch ist ein innerer Kreislauf: Eine Aufgabe steht an. Sie löst Unlust, Unsicherheit, Angst oder Überforderung aus. Man wendet sich etwas anderem zu und fühlt sich kurzfristig erleichtert. Später steigt der Druck. Die Aufgabe erscheint nun noch unangenehmer, und man vermeidet sie erneut.

Viele Menschen erkennen das Muster zunächst nicht

Menschen kommen nicht unbedingt mit dem Satz in die Therapie: „Ich prokrastiniere.“ Sie berichten vielleicht, dass sie ständig unter Druck stehen, sich nicht organisieren können, sich selbst im Weg stehen oder „einfach nichts auf die Reihe bekommen“. Andere erzählen, dass sie seit Wochen eine bestimmte Aufgabe vor sich herschieben und sich dafür zunehmend schlecht fühlen.

Manchmal wird die Ursache ausschließlich in fehlender Disziplin gesehen. Gerade Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst leiden darunter besonders. Sie vergleichen sich mit anderen und denken: „Warum schaffen es alle anderen und ich nicht?“

Dabei kann es hilfreich sein, nicht sofort nach mehr Disziplin zu verlangen, sondern zunächst zu verstehen, was beim Aufschieben innerlich passiert.

Nicht die Aufgabe allein ist das Problem

Oft ist nicht die Aufgabe selbst das eigentliche Problem. Entscheidend kann sein, was wir mit ihr verbinden.

Eine Bewerbung kann die Angst vor Ablehnung auslösen. Ein schwieriges Gespräch kann die Sorge vor Konflikten wecken. Eine Prüfung kann mit Versagensangst verbunden sein. Eine Entscheidung kann bedeuten, Verantwortung zu übernehmen und möglicherweise einen Fehler zu machen.

Dann wird nicht einfach eine Tätigkeit vermieden. Es wird ein unangenehmes inneres Erleben vermieden.

Genau darin liegt häufig die kurzfristige „Belohnung“ der Prokrastination: Sobald wir die Aufgabe weglegen, lässt die Anspannung für einen Moment nach. Langfristig wächst jedoch der Druck.

Angst vor Fehlern und zu hohe Ansprüche

Eine häufige Verbindung besteht zwischen Prokrastination und hohen Ansprüchen an sich selbst.

Wer glaubt, eine Aufgabe müsse perfekt erledigt werden, kann bereits der Anfang schwerfallen. Denn mit dem Beginn entsteht auch die Möglichkeit, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen. Dann kann der Gedanke entstehen: „Ich muss das richtig machen.“

Aufschieben schützt kurzfristig vor dieser Konfrontation. Solange die Aufgabe noch nicht begonnen wurde, muss man auch noch nicht feststellen, ob man den eigenen Erwartungen entspricht.

Das kann besonders belastend sein, weil ein Mensch nach außen leistungsfähig und kompetent wirken kann, sich innerlich aber ständig unter Druck fühlt.

Überforderung und der fehlende erste Schritt

Prokrastination kann auch mit Überforderung zusammenhängen. Eine Aufgabe erscheint so groß oder unübersichtlich, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.

Aus „Ich muss meine Unterlagen ordnen“ wird ein riesiger innerer Berg. Aus „Ich sollte mich um meine berufliche Zukunft kümmern“ wird eine unüberschaubare Aufgabe.

In solchen Situationen hilft häufig nicht mehr Druck, sondern eine Verkleinerung der Aufgabe. Nicht: „Ich muss heute alles erledigen.“ Sondern: „Ich öffne zunächst nur die Unterlagen und sehe mir an, was überhaupt zu tun ist.“

Der erste Schritt muss nicht groß sein. Er muss nur konkret genug sein, damit aus einer diffusen Belastung eine Handlung werden kann.

Prokrastination kann auch mit Selbstwert zu tun haben

Bei manchen Menschen hängt das Aufschieben eng mit dem eigenen Selbstbild zusammen. Wer häufig denkt „Ich bin nicht gut genug“, „Ich schaffe das sowieso nicht“ oder „Andere können das viel besser“, erlebt eine Aufgabe möglicherweise als Prüfung des eigenen Wertes.

Dann steht hinter dem Aufschieben nicht nur die Aufgabe, sondern die Angst vor einer möglichen Bestätigung der eigenen negativen Überzeugung.

Ein Misserfolg scheint nicht mehr zu bedeuten: „Diese Aufgabe ist mir diesmal nicht gelungen.“ Er fühlt sich an wie: „Ich bin nicht fähig.“

Psychotherapeutisch ist es deshalb manchmal sinnvoll, nicht nur die konkrete Prokrastination zu betrachten, sondern auch die Vorstellungen, die ein Mensch über sich selbst entwickelt hat.

Das Smartphone ist nicht immer die Ursache

Wenn Menschen über Aufschieben sprechen, wird schnell das Smartphone als Ursache genannt. Natürlich können soziale Medien, Nachrichten oder Streamingangebote die Ablenkung erleichtern.

Aber das Smartphone erklärt nicht, warum gerade eine bestimmte Aufgabe vermieden wird. Wenn jemand eine unangenehme E-Mail schreiben müsste und stattdessen zwanzig Minuten am Handy verbringt, ist die interessante Frage nicht nur: „Warum war das Handy so verführerisch?“
Sondern auch: „Was war an dieser E-Mail so unangenehm?“

Technische Ablenkungen können ein bestehendes Vermeidungsmuster verstärken. Sie sind aber nicht zwangsläufig dessen eigentliche Ursache.

Ein typischer Kreislauf

Ein häufiges Muster lässt sich vereinfacht so beschreiben: Eine Aufgabe entsteht → unangenehme Gefühle werden ausgelöst → die Aufgabe wird vermieden → kurzfristige Erleichterung entsteht → später wachsen Zeitdruck und Selbstvorwürfe → die Aufgabe wirkt noch bedrohlicher → erneut wird vermieden.

Dabei entsteht leicht ein negatives Selbstbild: „Ich bin undiszipliniert“, „Ich bin faul“ oder „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Gerade diese Selbstabwertung kann das Problem noch verstärken. Ein hilfreicherer Zugang ist deshalb, das Verhalten zu verstehen, ohne es zu entschuldigen.

Ein Fallbeispiel

Eine Klientin berichtet, dass sie seit mehreren Monaten eine berufliche Veränderung plant. Sie möchte ihre Bewerbungsunterlagen überarbeiten und sich auf neue Stellen bewerben. Gleichzeitig sagt sie immer wieder: „Ich muss das endlich machen.“

Sie hat Zeit dafür, recherchiert Stellenangebote und denkt häufig darüber nach. Trotzdem beginnt sie die Bewerbung nicht.

Zunächst hält sie sich selbst für undiszipliniert. Im Gespräch wird jedoch deutlich, dass sie große Angst davor hat, abgelehnt zu werden. Eine Bewerbung bedeutet für sie nicht nur eine berufliche Möglichkeit, sondern auch die Frage: „Bin ich gut genug?“

Als sie das erkennt, verändert sich der Blick auf ihr Verhalten. Sie muss nicht einfach „mehr Disziplin“ entwickeln. Sie muss lernen, mit Unsicherheit und möglicher Ablehnung umzugehen.

Als ersten Schritt vereinbart sie mit sich selbst nicht, eine perfekte Bewerbung zu schreiben. Sie öffnet lediglich das Dokument und überarbeitet zehn Minuten lang ihren Lebenslauf.

Was gegen Prokrastination helfen kann

Es gibt keine einzelne Methode, die für jede Form der Prokrastination funktioniert. Hilfreich kann zunächst sein, das Muster genauer zu beobachten: Was schiebe ich auf? Wann tritt der Impuls zum Aufschieben auf? Was fühle ich in diesem Moment? Wovor möchte ich mich möglicherweise schützen?

Daneben können sehr konkrete Schritte helfen: eine Aufgabe klein und konkret formulieren; nicht auf Motivation warten, sondern mit einem kleinen Schritt beginnen; die Zeit begrenzen; Ablenkungen für diese kurze Zeit reduzieren; nicht Perfektion, sondern einen Anfang anstreben; und nach einem Aufschieben nicht sofort mit Selbstvorwürfen reagieren.

Nicht jedes Nichtstun ist Prokrastination. Erholung, Schlaf und bewusste Freizeit sind etwas anderes als das zwanghafte Vermeiden einer Aufgabe, die man eigentlich erledigen möchte.

Wann Prokrastination zum psychischen Problem wird

Aufschieben ist zunächst menschlich. Es kann jedoch belastend werden, wenn wichtige Lebensbereiche dauerhaft beeinträchtigt werden – etwa Arbeit, Ausbildung, Beziehungen, Finanzen oder die eigene Gesundheit.

Besonders dann, wenn das Aufschieben mit starker Angst, Depression, Selbstwertproblemen oder Überforderung verbunden ist, lohnt sich ein genauerer Blick.

In der Psychotherapie geht es dann nicht nur darum, Menschen effizienter zu machen. Es geht darum, zu verstehen, warum bestimmte Situationen so schwerfallen und welche Gefühle, Überzeugungen oder Beziehungserfahrungen damit verbunden sind.

Hinter dem Satz „Ich kann mich einfach nicht dazu aufraffen“ kann vieles stehen: Angst, Überforderung, der Anspruch, alles perfekt machen zu müssen, die Sorge, andere zu enttäuschen, oder ein tief verankertes Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Zum Schluss

Prokrastination ist deshalb mehr als schlechtes Zeitmanagement. Das Aufschieben kann eine Strategie sein, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen – eine Strategie, die kurzfristig Erleichterung bringt, langfristig aber zusätzlichen Druck erzeugt.

Wer immer wieder Dinge aufschiebt, muss sich deshalb nicht vorschnell als faul oder undiszipliniert beurteilen.

Eine hilfreichere Frage könnte sein:
„Was wird für mich so unangenehm, dass ich es lieber aufschiebe?“

Manchmal beginnt genau dort ein besseres Verständnis für das eigene Verhalten. Und aus diesem Verständnis kann Schritt für Schritt Veränderung entstehen.

 

Manchmal entsteht der Wunsch nach Veränderung nicht aus einer akuten Krise, sondern aus dem Bedürfnis, sich selbst, die eigenen Werte und die persönliche Lebensrichtung besser zu verstehen. Psychotherapie und Selbsterfahrung können dabei helfen, mehr Klarheit und Orientierung zu gewinnen. Mehr zu meinen Arbeitsschwerpunkten finden Sie hier:
Psychotherapie, Selbsterfahrung und persönliche Entwicklung in 1120 Wien.

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