Blog

Wenn Nähe erschöpft – ein Fallbeispiel aus der Praxis

Dieser Text beschreibt ein Fallbeispiel aus meiner psychotherapeutischen Praxis. Es geht um Nähe, Rückzug und Erschöpfung in einer Partnerschaft – nicht aus mangelnder Liebe, sondern aus innerer Überforderung. Der Fall soll helfen zu verstehen, warum Nähe manchmal nicht mehr nährend wirkt, sondern zusätzlichen Stress erzeugt, und wie sich daraus ein belastender Beziehungskreislauf entwickeln kann.

Erschöpfung als Ausgangspunkt der Therapie

Herr O. kam nicht wegen seiner Beziehung in die Therapie. Er kam mit dem Gefühl, innerlich ständig unter Spannung zu stehen und keine richtige Ruhe mehr zu finden. Erst im Laufe der Gespräche wurde deutlich, dass sich diese innere Anspannung besonders im privaten Bereich zeigte – dort, wo eigentlich Entlastung möglich wäre.

Er lebt seit mehreren Jahren in einer Partnerschaft. Zu Beginn war Nähe für ihn etwas Selbstverständliches. Gemeinsame Zeit, Gespräche und körperliche Nähe waren mit Verbundenheit und Halt verbunden.

Wenn Nähe zur zusätzlichen Belastung wird

Mit zunehmender beruflicher Belastung begann sich etwas zu verändern. Herr O. arbeitete viel, trug Verantwortung und hatte das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen.

Die Partnerin wünschte sich Nähe, Austausch und gemeinsame Zeit – etwas, das in einer Beziehung selbstverständlich erscheint. Für Herrn O. wurde genau das jedoch zunehmend anstrengend. Nicht, weil er keine Gefühle mehr hatte, sondern weil ihm innerlich immer mehr Kraft fehlte.

Gespräche, die früher getragen haben, fühlten sich plötzlich fordernd an. Erwartungen, die früher leicht zu erfüllen waren, wurden zu einer Belastung.

Rückzug als Schutzreaktion

Herr O. begann, sich zurückzuziehen. Er blieb länger in der Arbeit, kam später nach Hause oder suchte Beschäftigungen, um nicht sofort in den gemeinsamen Raum eintreten zu müssen.

Dieser Rückzug war kein bewusster Entschluss gegen die Beziehung, sondern ein Versuch, sich innerlich zu schützen – ein unbewusster Umgang mit Überforderung.

Die Perspektive der Partnerin

Die Partnerin litt unter dieser Veränderung. Sie fühlte sich zurückgewiesen, nicht mehr gesehen und begann, die Beziehung in Frage zu stellen.

Ihre Unsicherheit führte dazu, dass sie mehr Nähe einforderte, Gespräche suchte, Klarheit wollte und emotionale Verbindlichkeit brauchte. Für Herrn O. verstärkte genau das den inneren Druck.

Ein sich verstärkender Beziehungskreislauf

So entstand ein Kreislauf: Je mehr Nähe die Partnerin suchte, desto erschöpfter fühlte sich Herr O. Je erschöpfter er war, desto mehr zog er sich zurück.

Der Rückzug wiederum verstärkte die Verletzung und Verunsicherung der Partnerin. Beide litten – auf unterschiedliche Weise, aber innerhalb derselben Dynamik.

Nähe braucht innere Ressourcen

In der Therapie wurde deutlich, dass es nicht um Bindungsunfähigkeit oder mangelnde Liebe ging. Nähe war für Herrn O. nicht bedrohlich, sondern zu viel geworden.

Seine inneren Ressourcen waren durch dauerhafte Anspannung weitgehend aufgebraucht. Nähe verlangte etwas, das er im Moment nicht mehr geben konnte.

Schuldgefühle als zusätzlicher Stressfaktor

Ein weiterer belastender Faktor waren starke Schuldgefühle. Herr O. wusste, dass seine Partnerin unter seinem Rückzug litt.

Dieses Wissen erzeugte zusätzlichen Stress. Er hatte das Gefühl, zu versagen – als Partner und als Mensch. Statt Entlastung wurde die Beziehung zu einem weiteren Ort inneren Drucks.

Der therapeutische Zugang

Therapeutisch ging es zunächst darum, diesen Zusammenhang sichtbar zu machen. Rückzug wurde nicht als Ablehnung, sondern als Ausdruck von Überforderung verstanden.

Gleichzeitig wurde die Perspektive der Partnerin ernst genommen. Ihr Leiden war real und verstärkte die Dynamik.

Grenzen, Bedürfnisse und neue Bewegung

Im weiteren Verlauf stand die Frage im Mittelpunkt, wie Herr O. wieder Zugang zu seinen eigenen Grenzen und Bedürfnissen finden konnte. Nähe braucht innere Verfügbarkeit.

Wo diese fehlt, wird sie zur Belastung. Erst durch das Wahrnehmen der eigenen Erschöpfung konnte sich langsam wieder Bewegung zeigen.

Was dieses Fallbeispiel zeigt

Der Fall zeigt, dass Nähe nicht nur eine Frage von Beziehungskompetenz ist, sondern auch von innerer Kraft.

Wenn Menschen lange Zeit über ihre Grenzen gegangen sind, kann selbst Gewünschtes zu viel werden. Rückzug ist dann kein Zeichen fehlender Bindung, sondern ein Versuch, das innere Gleichgewicht zu schützen.

Solche Dynamiken sind in der therapeutischen Praxis häufig. Sie zeigen, wie eng Stress, Erschöpfung und Beziehung miteinander verbunden sind – und wie wichtig es ist, diese Zusammenhänge zu verstehen, bevor vorschnelle Schlüsse gezogen werden.

Nächster Beitrag:
Warum Stress nicht aufhört – und was er mit uns macht →